Mengenanfällige Leistungen – Operieren für Cash

Sperriger Begriff – „mengenanfällige Leistungen“, was ist das? Die Krankenkassen nennen so Eingriffe und Operationen die man – wie soll man sagen – auch gern mal durchführt, wenn sie jetzt nicht so unbedingt notwendig sind. Im Klartext: Operationen aus reiner Profitgier.

Ganz vorne mit dabei sind „Totalendoprothesen“ von Knien und Hüfte, also die neue Hüfte, die Tante Erna bekommt. An und für sich nichts schlimmes, aber bei Erlösen von 6.000-8.000€ ist die Versuchung der Krankenhäuser groß, jedem, der nicht bei drei auf den Bäumen ist, eine neue Hüfte oder ein neues Knie zu verpassen. Allein von 2014 – 2017 ist die Anzahl der Hüft-Totalendoprothesen in Deutschland um 45% gestiegen. 45%!!!

Mehr als einmal wurden uns voller Stolz Tools zur „Optimierung von Knie- und Hüft-TEPs“ vorgestellt, mit dem Krankenhäuser sehen können, wieviele „Hüften und Knie“ von welchen Ärzten zu ihnen geschickt wurden und wie man diese überzeugen (aka bestechen) kann, ihnen noch mehr zu schicken.

Und die Krankenkassen? Sind natürlich längst dahinter gekommen, dass da vieles nicht mit rechten Dingen zugeht. Die erste Maßnahme wurde vom InEK initiiert und bestand darin, die DRG-Erlöse für Hüften und Knien abzusenken:

DRG Erlöse Hüfte Knie 2005 - 2017

DRG Erlöse Hüfte Knie 2005 – 2017

Zwischendurch hat man gemerkt: Sinkende Erlöse führen nur dazu, dass die Krankenhäuser noch mehr operieren müssen um auf ihren Umsatz zu kommen und ist davon wieder abgekommen.

Als zweite Möglichkeit kamen die Krankenkassen darauf, zumindest für die Knie am 1.1.2015 eine Mindestmenge von 50 Knien pro Krankenhaus festzulegen, damit diese die Knie-TEPs überhaupt abrechnen konnten.

Mindestmengen für Knie

Wie wurden diese Mindestmengen begründet? Damit, dass Krankenhäuser, die mehr Operationen durchführen, auch eine bessere Qualität aufweisen können. Das haben wir natürlich nachgeprüft und hier ist das Ergebnis:

Komplikationen bei Knie-TEPs in Abhängigkeit von der Fallzahl

Komplikationen bei Knie-TEPs in Abhängigkeit von der Fallzahl

Man sieht, dass es umso mehr Komplikationen bei Knie-TEPs gibt, je weniger Fälle durchgeführt werden. Allerdings ist der Zusammenhang nicht besonders deutlich und wird daher näher untersucht.

Was hat denn jetzt die Einführung der Mindestmengen bei den Knie-TEPs gebracht? Die DKG (Deutsche Krankenhausgesellschaft) hatte damals den Untergang des Abendlandes, Krankenhaussterben und überhaupt den Einbruch des Sozialismus prophezeit. Was ist davon eingetreten? Dazu haben wir uns einmal 13 Krankenhäuser einer bestimmten Region (nennen wir sie einfach mal Ruhrgebiet) angeschaut, die unter den 50 Operationen pro Jahr geblieben sind.

Knie-TEP Steigerung Mindestmenge

Knie-TEP Steigerung Mindestmenge

Von 2013 bis 2015 haben also fast alle Krankenhäuser ihre Knie-Operationen so gesteigert, dass sie die Mindestmenge erfüllt haben!

Man sieht, dass der Effekt der Mindestmengen zur Begrenzung unnötiger Operationen genau das Gegenteil gebracht hat. Es gibt tatsächlich Beratungsunternehmen, die Krankenhäuser dabei beraten, wie sie hier und da noch Knie „zusammenkratzen“ können, um auf die Mindestmenge zu kommen. Die Krankenhäuser, deine Freunde und Helfer…

Wie hat sich denn seit Einführung der Mindestmengen die Anzahl der Knie-TEPs insgesamt entwickelt?

Entwicklung Knie-TEP 2013-2017

Entwicklung Knie-TEP 2013-2017

Es scheint, als hätten die Krankenhäuser vor Einführung der Mindestmengen ihre Operationen noch einmal deutlich gesteigert und verharren jetzt auf hohem Niveau (+20% seit 2013 und + 100% seit 2000). Läuft.

Fazit

Wir sind es leid, das jedes Mal zu wiederholen, aber vielleicht bewirkt diese ständige Eintrichterung etwas:

Das DRG-System führt zur Ökonomisierung der Krankenhäuser, mengenanfällige Leistungen werden erbracht, zu unnötigen Operationen, Behandlung von Patienten als „Ware“, schlechten Arbeitsbedingungen, höherem Krankenstand, mehr Fluktuation – und zu höheren Gewinnen der Krankenhäuser auf Kosten der PatientInnen.