Geburten – ein weiteres Geschäftsfeld

Im folgenden Beitrag wollen wir uns ein bisschen mit Geburten beschäftigen. Ihr werdet vielleicht sagen: „Geburten? Da kann man doch nichts tricksen! Frau ist schwanger oder eben nicht!“
Ja und nein. Natürlich kann das Krankenhaus die Zahl der Geburten nicht beeinflussen, wohl aber die Kosten der Geburtsstationen und die Erträge durch Komplikationen und Kaiserschnitte.
Kurzzusammenfassung: Auch in der Geburtshilfe ist die Ökonomisierung längst angekommen.

Wie werden „Krankenhausleistungen“ vergütet?

Jetzt folgt ein kurzer Exkurs, wie die Vergütung bestimmter „Leistungen“ im Krankenhaus berechnet wird:

Berechnung von DRGs

Das InEK (eine GmbH!) bekommt ALLE (!) Patientendaten aller Krankenhäuser in Deutschland.
Für sogenannte „Kalkulationshäuser“ bekommt dieses Institut zusätzlich Kostendaten und berechnet daraus die Kosten für bestimmte Leistungen, die sogenannten DRGs.
Um die genaue Verfahrensweise wird ein riesen Geheimnis gemacht und am Ende jeden Jahres zieht Dr. Heimig durch die Lande und verkündet die neuesten Sprüche seines Orakels.
Also: In DRGs werden kostengleiche Verfahren zusammengefasst, die Einteilung ist nicht medizinisch. Es können also völlig unterschiedliche Eingriffe oder Krankheitsbilder zusammengefasst werden, solange sie nach Meinung des InEK gleich viel kosten.
Da die gesamte Geldmenge, die den Krankenhäusern zur Verfügung steht, gleich hoch ist, haben die DRGs aber keinen Euro-Wert, sondern ein Kostengewicht, das man mit einer Standardgröße (dem Basisfallwert, der pro Bundesland unterschiedlich ist) multiplizieren muss, um die Vergütung zu kennen.
Mit den tatsächlichen Kosten hat das am Ende nicht mehr viel zu tun…

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Wie werden die Geburts-DRGs vergütet?

Nun zu unterschiedlichen DRGs in der Geburtshilfe, wovon es je nach Komplikationen etc. sehr viele gibt. Die wichtigsten sind aber:

  • P67D: Neugeborener Einling, Aufnahmegewicht > 2499 g ohne OR-Prozedur, ohne Beatmung > 95 Stunden, ohne schweres Problem, ohne anderes Problem oder ein Belegungstag (in DRG 2017 in P67E geändert). Das ist das „Standardbaby“ ohne Komplikationen.
  • P67A: Neugeborenes, Aufnahmegewicht > 2499 g ohne signifikante OR-Prozedur, ohne Beatmung > 95 Stunden, mit mehreren schweren Problemen oder mit schwerem Problem, mit Hypothermiebehandlung. Das ist eine Geburt mit vielen Komplikationen, aber ohne längere Beatmung
  • O01H: Primäre Sectio caesarea ohne komplizierende Diagnose, Schwangerschaftsdauer mehr als 33 vollendete Wochen (SSW), ohne komplexe Diagnose. Das ist der klassische Kaiserschnitt ohne Komplikationen.

Wie werden diese DRG´s jetzt vergütet?

  • P67D: Je nach Bundesland etwa 1.050 €
  • P67A: Je nach Bundesland etwa 6.300 €
  • O01H: Je nach Bundesland etwa 2.500 €

Das heißt, ein Kaiserschnitt bringt etwa das 2,5-fache an Umsatz und eine Geburt mit Komplikationen etwas das 6-fache!
(Natürlich ist ein Kaiserschnitt aufwändiger, ist aber meist gut planbar und wird „im Akkord“ durchgeführt. Der wirkliche Unterschied sind die Material- und die OP-Kosten).

Entwicklung der Vergütung der Geburts-DRGs

Wie ist es zu dieser  Ungleichgewichtung gekommen? War das schon immer so?

Nein, diese Entwicklung wurde erst in den letzten Jahren durch das InEK eingeleitet. Dies ist die Entwicklung der relativen Kostengewichte der vorgestellten DRGs:

DRG Erlöse Geburtshilfe

DRG Erlöse Geburtshilfe

Ihr seht, dass die Vergütung für Geburtsstationen seit 2004 massiv abgesenkt wurde. Und während komplizierte Geburten und Kaiserschnitte seit 2011 wieder besser bezahlt werden, stagniert die Vergütung für „normale“ Geburten. Inflationsbereinigt ist die Bezahlung um fast 30% gesunken, während die Kosten um etwa 20% gestiegen sind.

Nun wundert ihr euch vielleicht nicht mehr über das Hebammensterben, Schließung von „unrentablen“ Geburtsstationen, über Fluktuation und hohe Krankheitsstände. Die Geburtshilfe wurde kaputtgespart.

Und natürlich ist der Anreiz für die Krankenhäuser hoch, stattdessen eine Operation durchzuführen, die wesentlich mehr Umsatz bringt: Der Kaiserschnitt.

In Deutschland werden seit Jahren etwa ein Drittel der Geburten als Kaiserschnitt durchgeführt, davon sind nur 20% medizinisch begründet. Die anderen 80% sind „freiwillige Kaiserschnitte“, was Tor und Tür für Überzeugungsarbeit werdender Mütter leistet.

Und noch eine Folge hat die Unterbezahlung deutscher Geburtshilfe: Steigende Komplikationen. Mehr dazu im nächsten Beitrag.