Einleitung

Im letzten Beitrag haben wir festgestellt, dass die finanzielle Situation der deutschen Krankenhäuser entgegen dem allgemeinen Gejammer doch eigentlich ziemlich gut ist. Gute Finanzen der deutschen Krankenhäuser sind doch toll –  warum freuen wir uns darüber nicht einfach mal?

Weil das seinen Preis hat. Und diesen Preis möchten wir in diesem Beitrag untersuchen.

Die Methodik ist aus den letzten Beiträgen bekannt: Statistische Analyse der Einflussparameter, Ermittlung von Kausalbeziehungen.

Zusammenhänge

Als Zielgröße, die untersucht wird, haben wir nicht den Gewinn ausgewählt, sondern die Summe aus Gewinn und Investitionen aus Eigenkapital dient als Indikator für gute Finanzen der deutschen Krankenhäuser. Wie wir gesehen haben, wird reichlich investiert, auch wenn die DKG das Gegenteil behauptet und damit auch der Gewinn klein gehalten. Wir finden: Wenn ein Krankenhaus mit eigenen Mitteln investieren kann, geht es ihm gut. Daher ist die Zielgröße: Gewinn + Eigeninvestitionen.

Wie ist nun der Zusammenhang zu anderen Krankenhausparametern?

Folgendes fällt auf:

  • Je höher der Anteil der Fördermittel ist, desto höher Gewinn+Investitionen
  • Je höher die Fluktuation im Pflegedienst ist desto höher Gewinn+Investitionen (durch sinkende Kosten?), bei der Fluktuation im ärztlichen Dienst ist es umgekehrt
  • Je geringer die Bezahlung im Funktionsdienst, desto höher Gewinn+Investitionen, beim Pflegedienst ist es aber genau andersrum
  • Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Gewinn/Investitionen und der Sterblichkeit im Krankenhaus
  • Ein zu erwartender Zusammenhang: Je geringer die Verweildauer der Patienten, desto höher Gewinn+Investitionen

Signifikante Einflussvariablen

Folgende Variablen haben einen signifikant positiven Zusammenhang mit Gewinn + Investitionen:

  • Anteil der öffentlichen Investitionen
  • Arbeitsbelastung und Anteil Fremdpersonal des medizinisch-technischen Dienstes
  • Eigenkapital (durch Zinserträge etc.)
  • Fluktuation des Pflegedienstes
  • Arbeitszeitanteil des ärztlichen Dienstes in %

Folgende Variablen haben einen signifikant negativen Zusammenhang mit Gewinn + Investitionen:

  • Der Nutzungsgrad der Intensivbetten und die Erlöse durch Notfallambulanzen
  • Löhne des Funktionsdienstes
  • Weiterbildungsanteil des Pflegedienstes (durch höhere Löhne?)
  • Anteil der Verwaltungskosten an den Gesamtkosten

Als erste Interpretation fällt bei diesen Zusammenhängen auf, dass deutliche Anreize für Krankenhäuser existieren, sich nicht mehr auf gute Pflege und gute Notfallmedizin zu konzentrieren, sondern (das zeigt der Einfluss der medizinisch-technischen-Dienstes) Hüften, Knie und sonstige gut bezahlte und oft sinnfreie Operationen durchzuführen. Je unzufriedener der Pflegedienst ist, je höher also die Fluktuation und je schlechter ausgebildet der Pflegedienst – umso besser, das kostet weniger. Auch die Löhne des Funktionsdienstes müssen gering gehalten werden.

Dass der Verwaltungsapparat aufgebläht wird, hat dagegen nicht nur mit größeren Dokumentationspflichten vom Gesetzgeber zu tun – nein, der Markt für „Kodierfachkräfte“ (legales bescheißen durch „optimierte Kodierung“) und Medizincontrollern wächst ständig.

Wie sind denn jetzt die genauen Zusammenhänge?

Kausalanalyse

Mittels des Paketes „CAM“ wurden die Kausalzusammenhänge mit dem Gewinn+Investitionen berechnet – mit folgendem Resultat:

 

Was steigert also den Gewinn an deutschen Krankenhäusern (Controller, passt gut auf)?

  • Je höher der Anteil des medizinisch-technischen Dienstes ist, desto höher der Gewinn (im Klartext: Je mehr Hüften, Knie und sonstige technische Verbesserungen des Menschen)
  • Je höher der Anteil an Privatpatienten ist, desto höher der Gewinn
  • Je höher die Fluktuation des Pflegedienstes ist und wenn dieser schlechter ausgebildet ist, desto höher der Gewinn
  • Je mehr Operationen pro Fall durchgeführt werden, desto höher der Gewinn

Was muss man also als deutsches Krankenhaus tun, um den Gewinn zu steigern?
Möglichst viele Hüften, Knien und sonstige Operationen durchführen (überhaupt möglichst oft operieren), möglichst Privatpatienten aufnehmen und den Pflegedienst möglichst unzufrieden und schlecht ausgebildet halten. Und das tun sie, genau das ist ja das Problem. Den deutschen Krankenhäusern geht es gut, weil sie ökonomisch „richtig“ handeln.

Was sind nun die Auswirkungen dieser Entwicklung?

Gute Finanzen der deutschen Krankenhäuser: Auswirkungen

Je höher der Gewinn in einem deutschen Krankenhaus, desto….

  • höher ist das Eigenkapital
  • höher ist die Entlohnung für den ärztlichen Dienst
  • niedriger ist die Entlohnung für den Pflegedienst
  • geringer ist der Anteil an Krankenhausleistungen und der Ambulanz (und desto höher ist der Anteil an Wahlleistungen z.B. durch Privatpatienten)
  • weniger schwer sind die Fälle die aufgenommen werden (oder andersherum: die Krankenhäuser, die schwere Fälle behandeln, werden dafür noch bestraft), man konzentriert sich auf die „leichten“ Fälle, die schnellen Gewinn bringen
  • geringer ist die Verweildauer der Patienten (man braucht die Betten für neue Umsätze)
  • jünger werden die Patienten
  • geringer ist der Krankheitsausfall der Ärzte (das können sie sich nicht mehr erlauben?)

 

Fazit

Das System ist krank. Um Gewinn zu machen (und Gewinn zu machen ist mittlerweile das vorrangige Ziel der deutschen Krankenhäuser) müssen die deutschen Krankenhäuser medizinisch oft unsinnige Operationen durchführen, das Pflegepersonal schlecht behandeln und ausbilden und dafür die Ärzte, mit denen sie Umsatz machen, gnädig stimmen, Patienten möglichst schnell wieder loswerden und sich die komplizierten Fälle gar nicht erst aufhalsen, die Notfallambulanzen vernachlässigen und vor allem Privatpatienten aufnehmen.

Und das tun sie. Wundert sich noch irgendjemand?