Einleitung

Schon im letzten Beitrag wurde deutlich, dass die Fluktuation im ärztlichen Dienst und die Fluktuation im Pflegedienst rapide ansteigt, was an sich ein Problem ist (gewohnte Arbeitsabläufe und Kollegen werden auseinandergerissen, neue MitarbeiterInnen müssen eingearbeitet werden etc.) aber auch Symptom von Problemen wie diesen. Wenn (gerade in privaten Kliniken) die Pflegekräfte massenhaft kommen und gehen, sagt das viel über die Arbeitsbedingungen.

Gleichzeitig macht dieses Phänomen etwas mit der Versorgung der Patienten – darauf möchte ich im Folgenden näher eingehen.

Datenanalyse

Wie schon aus den letzten Beiträgen gewohnt, wird der umfangreiche Datensatz, den Medileaks nutzt, einer genauen mathematischen Prüfung unterzogen, in dem mittels der R-Pakete „leaps“, „olsrr“ und „glmulti“ die passenden mathematischen Modelle ermittelt werden, diese mittels „visreg“ visualisiert werden und mittels „igraph“ in Beziehung gesetzt werden, um tatsächliche Kausalzusammenhänge zu ermitteln.

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Darstellung der Zusammenhänge

Schon im letzten Beitrag wurden einige Zusammenhänge und Entwicklungen bei der Fluktuation der Pflege gezeigt, die wichtigsten Einflussvariablen sind hier einmal grafisch dargestellt:

Einflussparameter Fluktuation im Pflegedienst

Auffällig sind folgende Beziehungen:

  • Je größer die Fluktuation im Pflegedienst, desto größer die Fluktuation auch im Funktionsdienst und im ärztlichen Dienst
  • Die Fluktuation sinkt, je besser ausgebildet Ärzte und Pfleger sind
  • Die Fluktuation steigt, je mehr Fremdpersonal („eingekaufte“ Ärzte und Pfleger auf Zeit) in der Pflege und im ärztlichen Dienst vorhanden ist
  • Mit steigenden Notfallanteilen bei den Patienten steigt die Fluktuation
  • Je höher der Krankheitsausfall im Pflegedienst, desto höher auch die Fluktuation (bzw. umgekehrt)

 

Ergebnisse der Regression

Mittels einer multiplen linearen Regression wurden nun die Parameter ausgewählt, die mit der Fluktuation in signifikantem Zusammenhang stehen.

Dabei bedeuten grüne Variablen einen positiven Einfluss, d.h. je höher diese Variable ist, desto höher ist auch die Fluktuation im Pflegedienst und rote Variablen einen negativen Einfluss, d.h. je höher diese Variable, desto niedriger die Fluktuation.

Folgende Variablen erschienen als signifikant im Zusammenhang mit der Fluktuation im Pflegedienst (95%-Niveau)

  • Fluktuation im Pflegedienst
  • Weiterbildungsanteil beim ärztlichen Dienst
  • Arbeitszeit (in % von einer Vollstelle) beim ärztlichen Dienst
  • Anteil Patienten mit Chefarztwahl
  • Krankheitsausfall im Pflegedienst
  • Krankheitsausfall im Funktionsdienst
  • Die Sterblichkeit im Krankenhaus

 

(genaue Regressionsergebnisse auf Anfrage)

 

Interaktionen

Dieses Thema ist etwas komplizierter, lohnt sich aber es zu verstehen, denn die Mathematik bietet unglaubliche Möglichkeiten, Zusammenhängen auf die Spur zu kommen.

Oft ist es in der Realität ja so, dass der Einfluss einer Variable auf die andere nicht immer der gleiche bleibt, sondern vom Wert einer anderen Variable abhängt.

Ein Beispiel: Wie stark meine Bereitschaft, mir eine Kugel Eis zu kaufen, vom Preis abhängt, hängt so ein bisschen auch vom Wetter ab:

  • Bei schlechtem Wetter bin ich persönlich schnell abgeschreckt von hohen Preisen für eine Kugel Eis und denke mir: „Ach, für den Preis brauche ich auch kein Eis“
  • Bei gutem Wetter hingegen ist mir der Preis relativ egal und der Einfluss des Preises auf meine Kaufentscheidung ist geringer

Mathematisch haben wir hier eine Interaktion zwischen dem Wetter und dem Preis: Das Wetter beeinflusst den Einfluss des Preises auf meine Kaufentscheidung.

Das ist sehr nützlich zu wissen, denn so weiß der Eisverkäufer, dass er im Sommer höhere Preise verlangen kann.

Zurück zum Thema: Schauen wir uns einmal den Einfluss des Weiterbildungsanteils an der Fluktuation im Pflegedienst in Abhängigkeit von der Fluktuation im ärztlichen Dienst an:

 

Es besteht ein positiver Zusammenhang zwischen Fluktuation im ärztlichen Dienst und Weiterbildungsanteil im Pflegedienst auf die Fluktuation im Pflegedienst.

Wie kann man das interpretieren?

Allgemein war es ja so, dass die Fluktuation im Pflegedienst geringer wird, wenn die Pflege besser ausgebildet ist. Eine geringere Fluktuation im ärztlichen Dienst verstärkt diesen Effekt. Oder andersherum gesagt:

Wenn die Fluktuation im ärztlichen Dienst steigt, nützt auch das Weiterbilden der Pflege nicht mehr viel, auch diese werden dann abwandern.

Ein anderes Beispiel:

Hier wechselt der Einfluss das Vorzeichen:

  • Wenn die Fluktuation im Funktionsdienst gering ist, hat der Krankheitsausfall im Pflegedienst einen negativen Einfluss auf die Fluktuation, dann schweißt er sozusagen die Pflege zusammen und bringt sie dazu „durchzuhalten“
  • Wenn allerdings die Fluktuation im Funktionsdienst zu hoch wird, bringt der hohe Krankenstand in der Pflege das Fass zum Überlaufen und viele in der Pflege suchen sich einen neuen Job

 

Ihr seht, solche Interaktionen sind enorm spannend, um Zusammenhänge herauszufinden.

Kausalzusammenhänge

Wie schon in den vorherigen Beiträgen erklärt, reicht es nicht, Zusammenhänge herzustellen, man muss auch erklären können, woher Veränderungen jetzt kommen und in welche Richtungen sie gehen.

Die Methodik wurde bereits erklärt, daher direkt in die Ergebnisse:

(Blaue Pfeile = Positiver Einfluss, rote Pfeile = negativer Einfluss)

Aus Darstellungsgründen wurden die Grafiken auf zwei aufgeteilt, hier sind die interessantesten Ergebnisse:

Einflüsse auf die Fluktuation des Pflegedienstes:

 

  • Fluktuation im ärztlichen Dienst und Funktionsdienst: Je höher die Fluktuation im ärztlichen Dienst und im Funktionsdienst, desto schwieriger wird wohl auch die Zusammenarbeit und das bringt viele Pflegekräfte dazu, zu gehen.
  • Je höher die Investitionen, desto höher die Fluktuation: Dieser etwas überraschende Zusammenhang lässt sich vielleicht damit erklären, dass Investitionen neue Jobs im Krankenhaus bedeuten und damit die Fluktuation erhöhen
  • Sterblichkeit im Krankenhaus: Je höher die Sterblichkeit in einem Krankenhaus (und damit wohl auch die Arbeitsbelastung), desto höher die Fluktuation
  • Weiterbildungsanteil im ärztlichen Dienst: Je besser weitergebildet die Ärzte sind, desto niedriger ist auch die Fluktuation im Pflegedienst
  • Chefarztwahl: Je mehr Patienten eine Chefarztbehandlung einfordern, desto höher die Fluktuation im Pflegedienst (vielleicht aufgrund der höheren Arbeitsbelastung?)
  • Arbeitszeit im Pflegedienst: Das ist ein sehr spannender Punkt: Je höher die prozentuale Arbeitszeit im Pflegedienst, das heißt je unflexibler in Bezug auf Teilzeit die Klinik ist, desto höher ist auch die Fluktuation im Pflegedienst!

 

Auswirkungen erhöhter Fluktuation im Pflegedienst:

 

  • Ein geringerer Casemix: Je höher die Fluktuation im Pflegedienst, desto geringer die Schwere der Patienten die man behandeln kann, desto weniger Geld verdienst das Krankenhaus!
  • Geringerer Weiterbildungsanteil: Je höher die Fluktuation, desto geringer der Weiterbildungsanteil im Pflegedienst (wohl weil oft die gut ausgebildeten gehen), desto schlechter die medizinische Versorgung!

 

Was für Auswirkungen hat die erhöhte Fluktuation des Pflegedienstes?

 

Noch einmal kurz zusammengefasst, warum es so wichtig ist, die Fluktuation im Pflegedienst zu betrachten:

  • Sie kostet Geld, denn wie oben gezeigt, können nicht mehr alle Patientinnen und Patienten behandelt werden. Sie verursacht Einarbeitskosten, zerstört bestehende Strukturen, macht den Einsatz von Leiharbeitern nötig und kostet damit noch mehr Geld
  • Sie vermindert die medizinische Qualität: Es gehen vor allem die gut ausgebildeten, die Lücken hinterlassen. Neue Einarbeitung geht erst einmal zulasten der Qualität, die Unzufriedenheit der Patienten und auch deren Sterblichkeit steigt (leicht).
  • Geschäftsleitungen haben trotzdem oft nichts gegen eine hohe Fluktuation, denn deren Bekämpfung wäre aufwändig (siehe unten) und der alte Grundsatz: „Divide et impere“ macht deutlich: Eine hohe Fluktuation verhindert auch, dass MitarbeiterInnen sich organisieren und für Ihre Rechte kämpfen.

Wie bekämpfe ich die Fluktuation im Pflegedienst?

Die mathematische Analyse oben zeigt, dass folgendes getan werden kann:

  • Die Fluktuation in allen Bereichen des Krankenhauses bekämpfen: Durch den Einfluss auch der Fluktuation im ärztlichen Dienst und im Funktionsdienst auf die des Pflegedienstes muss ein ganzheitlicher Ansatz her
  • Weiterbildung im ärztlichen Dienst: Fördern Sie Weiterbildungen im ärztlichen Dienst, stärken Sie die Zusammenarbeit mit dem Pflegedienst, übertragen Sie aber auch Verantwortung
  • Erlauben Sie flexible, familiengerechte Arbeitszeiten: Gerade in der Pflege sind flexible Arbeitszeitmodelle, die das Gründen einer Familie ermöglichen, essentiell. Zu hohe Arbeitsbelastung und familienunfreundliche Modelle und das „Arbeiten auf Abruf“ führt dazu, dass Ihre MitarbeiterInnen gehen.
  • Bekämpfen Sie das Behandeln nur nach Umsatz: Vor allem Privatpatienten mit Chefarztwahl zu behandeln, mag wirtschaftlich sinnvoll klingen, führt aber zu massiver Unzufriedenheit beim Personal!
  • Zahlen Sie besser! Wie jedes Mal auch hier die Aufforderung: Besser zahlen hilft.