Einleitung

Es wurde schon einiges über die Entwicklung des Krankenstandes im ärztlichen Dienst gesagt und dass dieser sehr stark vom Träger abhängt. Nach einer genauen Analyse des Krankenstandes in der Pflege soll nun gezeigt werden, welche Ursachen und vor allem Auswirkungen der deutlich ansteigende Krankenstand im ärztlichen Dienst hat:

 

Methodik

Ein paar Sätze sollen noch über die Methodik der Analysen verloren werden:

      • Der Datensatz umfasst etwa 150 Häuser, die durchgehend in den letzten Jahren Fehlzeiten geliefert haben (solche die nur teilweise teilgenommen haben, wurden entfernt)
      • Aus den etwa 80 Variablen wurden mit Hilfe des Paketes olsrr mittels einer schrittweisen Regression der größten Einflussparameter 26 Variablen ausgewählt
      • Mittels der R-Funktion „step“, die die einflussreichsten Variablen in einem Modell auswählt, wurden für einige Analysen die Variablenanzahl noch verringert
      • Regressionsplots wurden mit Hilfe von „visreg“ und der Plot-Funktion aus dem Package „rms“ erzeugt
      • Wie im letzten Artikel erwähnt, wurden Kausalbeziehungen mit dem Package „cam“ simuliert und mit dem Graphen-Package „igraph“ visualiert

So, nun aber los:

Zusammenhänge beim Krankenstand im ärztlichen Dienst

Regression Krankenstand ärztlicher Dienst

Ein paar Zusammenhänge fallen auf:

  • Es besteht offensichtlich ein Zusammenhang mit dem Ausfall der anderen Dienstarten: Je höher die Fehlzeiten bei Pflege- und Funktionsdienst sind, desto höher auch der Krankenstand im ärztlichen Dienst (was gut erklärbar ist)
  • Interessant ist der umgekehrte Zusammenhang mit der Teilzeitquote des Pflegedienstes: Je weniger die Pflege durchschnittlich arbeitet (in % einer vollen Stelle), desto höher der Krankenstand im ärztlichen Dienst (aufgrund höherer Belastung durch fehlende Absprachen, wechselnde Ansprechpartner?)
  • Der ambivalente Zusammenhang zur Arbeitsbelastung des ärztlichen Dienstes (Casemix-Punkte pro Vollkraft) fällt auf uns wird näher untersucht
  • Es fällt weiter auf, dass ein positiver Zusammenhang zwischen dem Materialkosten-Anteil (dem Verhältnis von Materialkosten zu Personalkosten) und dem Krankenstand im ÄD besteht – je weniger also im Verhältnis für Personal ausgegeben wird, desto höher der Krankenstand

Multiples Lineares Modell

Wie schon in vorigen Beiträgen erwähnt, sind solche Aussagen zu zwei Variablen schwierig, weil der Zusammenhang immer durch Störgrößen beeinflusst. Daher wurde auch hier ein multiples lineares Modell eingesetzt, dass die Zusammenhänge zwischen allen Variablen betrachtet.

Dabei wurde deutlich, dass folgende Variablen einen signifikanten Einfluss auf die krankheitsbedingten Fehlzeiten im ärztlichen Dienst haben:

  • Aufenthaltsdauer der Patienten: Je niedriger die Aufenthaltsdauer, desto höher der Krankenstand. Das ist ein zentrales Ergebnis, denn gerade die stetige Verringerung der Aufenthaltsdauer der Patienten in deutschen Krankenhäusern ist ein wichtiges Ergebnis der Fallpauschalen: Je kürzer die Patienten im Krankenhaus liegen, desto mehr Patienten kann ein Krankenhaus behandeln, desto mehr Geld verdient es. Es zeigt sich aber: Dies macht den ärztlichen Dienst im wahrsten Sinne des Wortes krank!
  • Krankheitsausfall im Pflegedienst: Je höher der Krankenstand der Pflege, desto höher der Krankenstand im ärztlichen Dienst
  • Chefarztwahl: Je höher der Anteil der (privat versicherten) Patienten mit Chefarztwahl war, desto niedriger der Krankenstand des ÄD – vielleicht, weil man für diese PatientInnen aufgrund des mehr verdienten Geldes tatsächlich einmal Zeit hat?
  • Arbeitsbelastung Funktions- und Pflegedienst: Je höher die Arbeitsbelastung des Funktionsdienstes ist, desto höher der Krankenstand im ÄD. Bei der Pflege ist der Zusammenhang umgekehrt.  
  • Arbeitszeit Pflegedienst: Wie oben erwähnt: Je geringer der durchschnittliche Stellenanteil pro Pflegekraft ist, desto höher der Krankenstand im ärztlichen Dienst.
  • Materialkostenanteil: Je weniger Geld für Personal ausgegeben wird, desto  höher der Krankenstand im ärztlichen Dienst.
  • Fluktuation: Je höher die Fluktuation im ärztlichen Dienst, desto höher der Krankenstand

Kausalzusammenhänge

Mittels des Paketes „CAM“ wurden (der Übersichtlichkeit halber in zwei verschiedenen Variablensets) Kausalzusammenhänge untersucht:

Kausalzusammenhänge Krankheitszeiten Ärztlicher Dienst

Kausalzusammenhänge Krankheitszeiten Ärztlicher Dienst Teil 2

 

Hierbei bedeuten blaue Pfeile einen positiven Zusammenhang, rote Pfeile einen negativen Zusammenhang. Die Dicke der Linien verdeutlicht die Stärke des Zusammenhangs.

Folgendes sind die wichtigsten Einflüsse auf den Krankenstand im ärztlichen Dienst und damit für Politik und Krankenhausmanagement die wichtigsten Stellschrauben:

  • Krankheitsausfall im Pflegedienst (positiv)
  • Verweildauer der PatientInnen im Krankenhaus (negativ)
  • Einsatz von Fremdpersonal (positiv)
  • Materialkostenanteil (positiv)
  • Schulden (positiv)

Die wichtigsten Auswirkungen des seit Jahren steigenden Krankenstandes im ärztlichen Dienstes (wegführende Pfeile) sind:

  • Die Arbeitszeiten im Pflegedienst (negativ)
  • Der Weiterbildungsanteil im Pflegedienst (positiv)
  • Fluktuation im ärztlichen Dienst (positiv)
  • Wirtschaftlichkeit in Casemix-Punkten (negativ)

Damit wird deutlich, dass die Auswirkungen von vermehrten Krankmeldungen durch Ärzte (oder sagen wir eine geringere Bereitschaft oder Fähigkeit trotz Krankheit weiterarbeiten zu können oder wollen), gravierend sind:

Höhere Fluktuation (und damit wie wir sehen werden höhere Sterblichkeit), verminderte Wirtschaftlichkeit, erhöhte Kosten für Fremdpersonal, vermehrte prekäre Arbeitsverhältnisse im Pflegedienst.

 

Was kann getan werden, um den Krankenstand im ärztlichen Dienst zu senken?

Der Krankenstand im ärztlichen Dienst ist im Allgemeinen ja noch sehr gering, steigt aber deutlich an. Einflussmöglichkeiten, diesen mit gravierenden Auswirkungen verbundenen Trend zu stoppen, sind (durch Datenanalyse belegt):

  1. Maßnahmen gegen den ebenfalls steigenden Krankheitsausfall im Pflegedienst zu treffen (wie im letzten Artikel erwähnt, sind dies unter anderem bessere Ausbildung, höhere Entlohnung, Arbeitsentlastungen)
  2. Die unsägliche „Optimierung“ der Verweildauer in deutschen Krankenhäusern (von durchschnittlich 6,7 auf 6,3 Tage allein im Zeitraum 2013 bis 2016) stoppen und medizinisch gerechtfertigte Aufenthaltszeiten ermöglichen
  3. Den vermehrten Einsatz von Fremdpersonal ((schein)-selbstständige ÄrztInnen und solche mit prekären Verträgen) stoppen und mehr festes Personal einstellen
  4. Höhere Löhne für Personal insgesamt (die Löhne des ärztlichen Dienstes selbst zeigen keinen signifikanten Einfluss aber die Personalkosten insgesamt im Verhältnis zu den Materialkosten)
  5. Hochverschuldete Krankenhäuser sanieren

Politik, übernehmen Sie! Ach wartet, wir haben ja wieder große Koalition….